Offener Brief an das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit

Betreff Geburtenstation in der Klinik Crivitz

Sehr geehrter Herr Minister Glawe,

sehr geehrte Landtagsfraktionen,

den Fernseh- und Presseberichten haben Sie sicherlich entnehmen können, dass wir uns gegen die mit dem Konzern MediClin und Ihnen abgestimmte Schließung (Bündelung ist es aus unserer Sicht in keiner Weise) unserer überregional bekannten und beliebten Station stellen.

Mit der Schließung wird ein über Jahrzehnte erfolgreiches Konzept zerstört. Der Betreiber schadet mit dieser Umgangsweise seinem Ruf mehr als allen Beteiligten momentan klar ist.

Die gemeinsame Entscheidung ist ein Schlag ins Gesicht vieler Menschen in und weit um Crivitz.

Durch die Kurzfristigkeit zwingen Sie uns, diese Debatte mit Unterstützung der Öffentlichkeit zu führen, da Sie selbst dieses Mittel genutzt statt uns als Stadt eine reelle Chance zu geben, an einer Lösung mit dem Konzern und Ihnen zu arbeiten. Wir fühlen uns nahezu erpresst, wenn Sie sagen, dass mit der Geriatrie, die ja bereits einige Betten in unserem Krankenhaus einnimmt, den Standort des Krankenhauses sichert. Anders formuliert heißt es, der Preis der Zukunftssicherung ist die Schließung der Station?

Damit reißen Sie ein großes Loch in die Grundversorgung unserer ländlichen Region. Vielleicht war Ihnen das bei den Abstimmungen mit dem Konzern nicht so klar. Gerade auch bei Geburten geht es bekanntermaßen um unwägbare und von vornherein nicht planbare Situationen.

Dennoch muss ein Team mit Arzt, Anästhesie, Hebammen und OP-Team bereit stehen. Das kostet natürlich. Aber ist es nicht gerade eine Errungenschaft dieser modernen Zeit, dass die Kindersterblichkeit aufgrund viele Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte inzwischen deutlich reduziert wurde, weil das Gesundheitssystem so gut aufgestellt ist. Jedes Kind ist für uns wichtig, ist es doch potentielle Fachkraft für später.

Nur ein Beispiel: Im Jahr 1993 gab es einen Tiefpunkt mit 163 Geburten, schon 1995 stieg die Zahl auf 315 an. Dieses Niveau war nun viele Jahre bis auf rund 400 Geburten angestiegen. Die Reduzierung in diesem Jahr ist nach Aussagen der Fachkräfte vor allem auf die Verunsicherung durch die Schließung im letzten Jahr zurückzuführen. Sie hatten nach der schlechten Erfahrung des letzten Jahres den Dienst für diesen Monat komplett abgesichert.

Unseren Informationen nach ist mit vielen betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht vorab über ihre Bereitschaft, nach Parchim zu wechseln, gesprochen worden. Wie wollen Sie sicherstellen, dass die dann „gesicherte“ Station in Parchim tatsächlich personell gut aufgestellt und nicht nach absehbarer Zeit ebenfalls wegen Unwirtschaftlichkeit oder Personalmangels geschlossen würde?

Sollte nicht das Ziel sein, in Parchim und Crivitz die Geburtshilfe und Gynäkologie zu stärken?

Sollte nicht das Ziel sein, auch die kinderärztliche Versorgung auf sichere Füße zu stellen?

Kommen Sie bitte dringend mit uns als Stadt, aber auch mit den Hebammen und Ärzten ins Gespräch, um neue wirklich zukunftsweisende Lösungen zu finden. Wir sind überzeugt, sie sind zu finden.

Deshalb: 1. Legen Sie bitte nach eingehender Prüfung die maximale Fahr- bzw. Flugzeit bei Notfällen verbindlich fest. Für die Rettung durch die Feuerwehr gibt es das bereits (12 Minuten).

2. Stellen Sie die Entscheidung für mindestens ein Jahr zurück, um gemeinsam mit uns eine Lösung zu finden, wie eine weiterhin nahe Geburtshilfe und gynäkologische Versorgung in Crivitz und Parchim erhalten bleiben kann.

Das Grundproblem ist aber vor allem, das bei der Gesundheitsversorgung der Gewinn und nicht der Mensch im Vordergrund steht, wenn es „wirtschaftlich“ arbeiten will. Dies ist ein bundespolitisches Thema und sollte auch von Ihnen und Ihren Parteien schnellstens neu überdacht werden. Wenn ein Kaiserschnitt mehr einbringt als eine natürliche Geburt, dann stimmt was nicht.

Wie zeitgemäß ist so eine Bewertung noch? Wie können Sie helfen, dass für Ärzte und Hebammen sowie Pflegepersonal Sicherheiten geschaffen werden?

Wir machen uns große Sorgen, dass wir für die Zukunft kaum noch junge Menschen finden werden, die diese Berufe überhaupt erlernen wollen, wenn so mit ihnen umgegangen wird?

Deshalb: 3. Sprechen Sie bitte mit Ihren Bundestagsabgeordneten, dass das DRG-System dringend geprüft wird.

Sehr geehrter Herr Glawe, wenn Sie die Worte tatsächlich so gemeint haben, dass Ihnen für die Kinder kein Geld zu schade ist, bitten wir Sie, zu prüfen, ob damit nicht den beiden Kliniken die entsprechende Unterstützung zum Auffüllen des Defizits gegeben werden kann. Es mag im Moment vielleicht zu wenig Frauen geben, die Kinder bekommen können, aber schon in absehbarer Zeit ändert sich das wieder. Wir sehen es doch deutlich an den seit vielen Jahren stetig wachsenden Kinderzahlen, die in Schulen und Kindereinrichtungen (jedenfalls in Crivitz) zu verzeichnen sind. Auch die beitragsfreie Kita, die Sie mit beschlossen haben, könnte auf die Geburtenrate positive Wirkung haben. In Crivitz gibt es bei Bauland einen Kinderbonus, der erfolgreich genutzt wird. Kita und Grundschule werden gerade umfassend saniert. Damit lassen sich dann auch zunehmend junge Leute bei uns nieder. Genau das brauchen wir auch, sonst werden wir immer weniger Personal für die Krankenhäuser und Pflegeheime haben. Stattdessen sollten wir tatkräftig für diesen Berufsstand werben, denn wer soll uns später mal pflegen?

Der Erhalt beider Stationen sollte das Ziel sein. Die Wege für werdende Mütter dürfen sich nicht weiter entfernen.

In Erwartung eines Gesprächstermins mit Ihnen verbleiben wir mit freundlichen Grüßen

Britta Brusch-Gamm

Bürgermeisterin

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